Sie ist der vielleicht größte Irrtum unserer Zeit. Ein sinnloser Klotz, den wir uns selbst in den Weg legen. Schließlich wissen wir alle, wie schwer Monogamie zu leben ist: Selbst wenn wir es schafften, einen Partner ein ganzes Leben lang zu lieben, ist es kaum vorstellbar, dass wir bis ans Ende unserer Tage Scheuklappen tragen und uns sexuell für niemanden sonst interessieren. Doch kaum einer ist mutig genug, sich diesen Irrtum einzugestehen. Zu stark ist der Imperativ der Zweisamkeit.
Romantische Gefühlsschübe sorgten schon zu Urzeiten dafür, dass Eltern ihren Nachwuchs gemeinsam aufzogen. Und nach etwa vier Jahren doch wieder mit anderen Sexpartnern weiterzogen. Das wissen kluge Ethnologen. Heute haben wir 2000 Jahre Christentum hinter uns und fast 200 Jahre ökonomische Bedingungen, die uns auf bürgerliche Kleinfamilie gepolt haben. Seitdem glauben wir, schlechte Menschen zu sein, wenn uns ein Partner nicht reicht. Dabei ist unsere Natur nicht viel stärker als die anderer Lebewesen auf Monogamie programmiert. Unter den Säugetieren leben nur etwa fünf Prozent monogam, schätzen Biologen. Die menschlichen Gesellschaften, die der Anthropologe G. P. Murdock in seinem „Ethnographic Atlas“ auflistete, brachten es in der Geschichte auf gerade einmal 17 Prozent. Monogamie: eine historische Ausnahme!
Es ist also überfällig, sich die Frage zu stellen, ob wir uns länger quälen sollten. Ob wir unsere Beziehungen nicht für weitere Sexpartner öffnen sollten. Und ob es nicht auch Liebe ist, fremdzugehen und die Klappe zu halten. Zwar können wir Ihnen jetzt nicht sagen, wie Sie das Monogamie-Problem für sich selbst lösen sollen. Aber wir haben zwei Vorschläge – bitte schön!
Sie sind ein Freund klarer Worte und können Ihre Eifersucht kontrollieren? Dann sollten Sie es mal hiermit probieren! Wie eine offene Beziehung funktionieren kann, verrät Holger Lendt, 38, Psychologe und Autor des Buches „Treue ist auch keine Lösung“ (Pendo, 19,99 Euro):
"Kein Beziehungsmodell kann alle Menschen glücklich machen. Offene Beziehungsstile sind nicht etwa besser als monogame, aber erst geistige Offenheit macht Entscheidungen möglich. Wir wollen in allen Lebensbereichen die Wahl haben, tragen aber blindlings das „Liebesmodell von der Stange“ – und gehen nebenbei fremd. Doch Fremdgehen erzeugt viel unnötiges Leiden. Es ist ehrlicher, sich vor einer Beziehung zu fragen, wie offen man lieben möchte: monogam? Mit einer rein sexuellen Öffnung? Mit der Option, auch mehr als einen Partner zu lieben? Dafür braucht es einen positiven Treuebegriff, der unabhängig von der Zahl der Partner ist: Treue ist, was Vertrauen schafft. Also Einvernehmlichkeit und Gleichberechtigung aller Partner bei Entscheidungen. Ehrlichkeit, Verantwortung für die eigenen Gefühle (Eifersucht!), Geduld, Disziplin und Verlässlichkeit. Mit diesen Zutaten lassen sich monogame Beziehungen zubereiten – ohne sie sind offenere Varianten aber kaum machbar."
Sie können Geheimnisse für sich behalten und finden, dass sich Lügen und Lieben nicht ausschließen? Dann liegt hier Ihre Zukunft! Ein Plädoyer fürs gepflegte Fremdgehen hält Franz Josef Wetz, 35, Philosoph und Autor des Buches „Lob der Untreue“ (Diederichs, 16,99 Euro):
"Eifersucht und Verlustängste stehen einer offenen Beziehung oft im Weg. Darum findet fast jeder Seitensprung heimlich statt. Aber man kann jemanden betrügen und dennoch aufrichtig lieben. Nicht alle Lügen drücken Missachtung aus. Ehrlichkeit kann sogar grausame Gefühlsroheit sein, ein Geheimnis zu wahren dagegen von Einfühlungsvermögen zeugen. Heimliche Seitensprünge oder Affären können helfen, den Beziehungsalltag zu stabilisieren. Vielleicht funktioniert die langjährige Partnerschaft gerade deshalb
so gut. Höher als die Wahrheit steht die Frage, ob und wie sich mit ihr leben lässt! Eine gediegene Ausrede ist bisweilen zivilisierter als der puritanische Redlichkeitskult unserer Zeit. Zu viel Offenheit schadet dem Vertrauen. Es ist ratsam, nicht immer allem auf den Grund zu gehen. Wir alle brauchen Freiräume. Deshalb beweist man mehr Achtung voreinander, wenn man sich Geheimnisse zugesteht, als wenn man auf unverbrüchliche Treue besteht."
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