Das Küssen hat es sogar zu einem eigenen Feiertag gebracht: Jedes Jahr wird am 6. Juli weltweit der „Tag des Kusses" gefeiert, zum Beispiel beim „International Kissing Day“ in New York oder beim „Światowy Dzień Pocałunku“ in Warschau. Übrigens: Laut Guinness-Buch der Rekorde dauerte der bislang längste Kuss der Welt ganze 31 Stunden, 30 Minuten und 30 Sekunden. Dieses denkwürdige Ereignis fand vom 6. zum 7. Juli 2005 in London zwischen James Belshaw und Sophia Severin statt. Wir gratulieren nachträglich zu so viel Durchhaltevermögen! Doch der Kuss zwischen zwei Liebenden ist natürlich nicht die einzige Art des Küssens. Wir haben einmal ein bisschen genauer hingeschaut. Da es wirklich unzählige Arten des Küssens gibt, haben wir uns auf sieben ganz besondere Varianten spezialisiert und erklären Ihnen jeweils, was dieser Kuss soll, wie er geht und wie er sich anfühlt.
Was er soll: Er demonstriert Verbundenheit und sozialistische Gesinnung. Ein Kuss aus der Kategorie Show-Knutschen: Es geht nicht bloß um zwei Männer, die kuscheleng miteinander sind. Hier busseln sich indirekt ganze Parteien, ja Völker. Und das soll die Welt doch bitte mitbekommen. Wie er funktioniert: Erst ein Küsschen auf jede Wange, dann ein kräftiger Lippenschmatzer. In der DDR munkelte man außerdem, dass der Bruderkuss dem geheimen Austausch zwischen Funktionären diente. In etwa: „Haste mir was mitgebracht?“ ins rechte Ohr, „kann auch aus dem Westen sein“ ins linke. Wonach er sich anfühlt: Nach großem Pathos und Altherrenatem. Polens Ex-Diktator Wojciech Jaruzelski klagte einmal in einem Interview über Erich Honecker: „Er hatte diese ekelhafte Art zu küssen.“
Was er soll: Er drückt eine besondere Wertschätzung der Dame gegenüber aus und ist die bei Frauen am meisten Eindruck schindende Kussform überhaupt. Darüber hinaus ist der Handkuss die traditionell korrekte Form für einen Heiratsantrag. Wie er funktioniert: Der Herr ergreift mit seinen Fingerspitzen die Hand der Dame. Während er sich leicht vornüberneigt, hält er unbedingt Blickkontakt — zu ihren Augen, nicht zu ihrem Dekolleté. Der eigentliche Kuss wird in den Luftraum oberhalb des Handrückens gehaucht. Bei einem Heiratsantrag geht der Mann auf die Knie. Wonach er sich anfühlt: Nach einer geballten Charme-Offensive.
Was er soll: Wie ein Kuss auf den Mund ist auch das gegenseitige Beriechen ein Gütecheck potenzieller Sexualpartner. Sie erschnuppern dabei unbewusst die Beschaffenheit des fremden Genpools — und wissen dann, ob es Sinn hat, ihr Erbmaterial zusammenzuwerfen. Darüber hinaus dient der Nasenkuss der Beziehungspflege und als Begrüßungsritual. Wie er funktioniert: Durch Aneinanderreiben der Wangen und Nasen. Bei den Papuas auf Neuguinea ist der Nasenkuss wichtiger Bestandteil eines Liebesfests, bei dem heiratswillige Männer und Frauen stundenlang ekstatisch ihre Nasen reiben. Dass Eskimos sich ausschließlich mit der Nase küssen, ist dagegen ein weit verbreiteter Irrtum. Wonach er sich anfühlt: Nach Knuddel-Hölle.
Was er soll: Er zeigt die Ehrerbietung des Papstes gegenüber einem von ihm bereisten Land. Auch bekannt als Erden- oder Bodenkuss. Papst Johannes Paul II. machte den Flughafenkuss populär. Der neue Pontifex Benedikt dagegen ist nicht so enthusiastisch, was das Rollfeldküssen anbelangt. Aus hygienischer Sicht verständlich. Wie er funktioniert: Neben der technischen Abwicklung — auf die Knie, vorbeugen, Lippen gen Erde — gibt es bei dieser Zuneigungsbekundung noch einen weit wichtigeren Faktor: Nur wenn der höchste Würdenträger der Christenheit den Flughafenboden herzt, wirkt das ergreifend. Bei jedem anderen eher terrorverdächtig. Wonach er sich anfühlt: Nach Staub und landestypischen Bakterien.
Was er soll: Er bereitet eine wichtige Szene vor: Entweder werden gleich zwei Menschen Sex haben, oder das Happy End ist erreicht. Wie er funktioniert: Als in Hollywood die Filme noch nach dem sogenannten Hays Code zensiert wurden, folgte der Filmkuss strengen Regeln: So durften etwa die Liebenden nicht liegen, und mindestens einer ihrer Füße musste den Boden berühren. Heute dagegen ist alles erlaubt — sogar die Zunge darf raus. Wirkt aber nicht zwingend erotischer. Am spannendsten ist eben doch, was im Verborgenen bleibt. Wonach er sich anfühlt: Das ist je nach Filmpartner verschieden. Der berühmte Kuss zwischen Vivien Leigh und Clark Gable in „Vom Winde verweht“ gilt noch heute als Inbegriff der Romantik. Frau Leigh beschwerte sich allerdings nach den Dreharbeiten über das zu locker sitzende Gebiss des Kollegen und dessen Knoblauch-Fahne.
Was er soll: Er kündigt das Lebensende eines abtrünnigen Mafioso an. Auf Verrat steht der Kuss des Paten — und wer den bekommt, wird innerhalb kurzer Zeit sterben. Ein Gutenachtbussi für immer sozusagen. Wie er funktioniert: Nicht ohne eine ordentliche Prise Dramatik: Als Al Pacino alias Don Corleone in „Der Pate — Teil II“ seinen Filmbruder ins Jenseits küsst, greift er dessen Kopf und raunt: „Ich weiß, dass du es warst, Fredo. Du hast mein Herz gebrochen!“ Und dann heißt es: Ab, mit den Fischen schlafen. Wonach er sich anfühlt: Nach Panik. Friedhof. Oder wenn die Zeit noch reicht: nach einem neuen Leben am anderen Ende der Welt.
Was er soll: Unter Sportlern verbreitete Intimitätsgeste gegenüber Trophäen. Nicht mit Objektsexualität zu verwechseln: Es handelt sich keinesfalls um das Begehren eines Metallkelchs, sondern um die stellvertretende Liebkosung des eigenen Egos. Wie er funktioniert: Der Pokal wird abwechselnd über den Kopf gereckt und geherzt. Besonders enthusiastische Pokalküsser: Boris Becker (Wimbledon-Sieg 1985), Lothar Matthäus (Fußball-WM 1990). Wonach er sich anfühlt: Nach Weltgeschichte.
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