Er kann! Stundenlang, nächtelang. Seine Partnerin hat einen Orgasmus nach dem anderen. Und er? Er kann nicht kommen. Seine Erektion ist stark und hart, doch der Paukenschlag zum Schluss – der setzt einfach nicht ein. Und das ist frustrierend. Nicht nur für ihn, sondern auch für sie. Bin ich nicht sexy genug? Mache ich etwas falsch? Nur zwei Fragen, die sie sich andauernd stellt und der Wunsch, dass er endlich „in ihr“ kommt, wird immer größer. Dabei kann sie meist nichts dafür. Die Ursachen liegen woanders:
„Ejaculatio retarda“ ist die dritthäufigste sexuelle Störung bei Männern. Männer, die darunter leiden, können ihre Partnerin die ganze Nacht verwöhnen – ohne dabei selbst einen Orgasmus und einen Samenerguss zu bekommen. Dabei sind sie dazu körperlich in der Lage, denn beim Masturbieren klappt´s. Und das sogar nach wenigen Minuten. Wo liegt das Problem? Immerhin kommt es ja zum Sex, könnte man nun denken. Solange es keinen Leistungsdruck gibt, gibt es auch kein Problem. Doch das ist selten der Fall. Sexualcoach Ronald Kalcher: „Wenn die Partnerin einen Samenerguss als sichtbares Zeichen des Begehrens sieht, oder diesen als Abschluss des Verkehrs braucht, erhöht sie indirekt den Druck auf den Mann. Beide Teile müssen sich in diesem Fall ihr Sexualleben und -verhalten genauer betrachten und sich Frage stellen.“ Ein echtes Problem wird Ejaculatio retarda dann, wenn sich ein Paar Kinder wünscht. Ohne Samenerguss keine Schwangerschaft. Spätestens zu diesem Zeitpunkt sollte ein Paar Hilfe aufsuchen.
Es gibt verschiedene Ursachen für Ejaculatio retarda. So kann, laut Prof. Dr. Hartmund Porst, President of the European Society for Sexual Medicine, das Alter eine Rolle spielen: „Mit zunehmendem Alter benötigt der Mann mehr direkte taktile Berührungsreize, um die Ejakulation auszulösen. Wenn man so will, kommt es zu einem Alterungsprozess der dafür in der Eichel und der Penishaut befindlichen Nervenrezeptoren, von denen die empfangenen Berührungsreize weiter zum Rückenmark und Gehirn geleitet werden, um dann dort verarbeitet zu werden und den Samenerguss auszulösen.“ In Expertenkreisen wird dieses Phänomen auch „Lost Penis“ genannt, weil er beim Geschlechtsverkehr zu wenig spürt. Auch Krankheiten des Nervensystems, Verletzungen des Rückenmarks, Diabetes oder langjähriger Missbrauch von Alkohol können Ursachen von Ejaculatio retarda sein.
Neben den physischen Ursachen sind es aber auch individuelle psychische Blockaden, die einen Orgasmus verhindern. Sexualcoach Ronald Kalcher: „Wenn man mit sich selbst nicht im Reinen ist oder tiefsitzende Ängste nicht aufgearbeitet hat, führt dies dazu, dass man sich beim Sex nicht vollends fallen lassen kann und auch in der Erregungsphase stets unterhalb der Orgasmusphase bleibt.“ Junge Männer fühlen sich außerdem nicht selten von der Pornoindustrie unter Druck gesetzt. Wenn's im Bett nicht so läuft, wie man es aus Sexfilmen kennt, wird man schnell unsicher, und wer unsicher ist, der kann echten Sex nicht genießen.
Ejaculatio redarda zu behandeln ist möglich, aber auch schwierig und zeitaufwendig. Das Wichtigste ist zunächst einmal, auf Ursachenforschung zu gehen. Wo liegen die Probleme? Vielleicht sind es auch Konflikte in der Beziehung, die gelöst werden müssen, denn auch die haben eine orgasmushemmende Wirkung. Bei der rein physischen Blockade kann sich die Partnerin aktiv daran beteiligen, dass er wieder kommen kann: "Durch entsprechende Techniken kann eine stärkere Reizung von Eichel und Penishaut stattfinden.“ so Prof. Dr. Hartmund Porst. „Das kann ein intensiveres Vorspiel mit Oralsex sein, oder aber stärkere manuelle Reizung des Gliedes, indem die Frau ihre Scheidenmuskulatur einzusetzen lernt, das heißt diese beim Koitus mehr ins Spiel bringt, sodass diese das Glied besser umfasst und der Mann dann wieder mehr spürt.“
Wenn es psychische Gründe hat, warum ein Mann nicht kommen kann, rät Ronald Kalcher: „Hier bleibt nur professionelle Hilfe von außen. Die Ursachen sind nämlich individuell und bedürfen einer neutralen Betrachtung. Am besten jeder für sich und gemeinsam als Paar.“ Wichtig ist: Jedes Paar sollte zunächst das genießen, was man hat und den Orgasmus nicht in den Mittelpunkt stellen. Das erhöht nur den Druck und es kommt zu einem Teufelskreis. Diesen zu unterbrechen ist der erste Schritt zu einem gemeinsamen Höhepunkt.
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