Wenn es um den Muttertag geht, kommt die Sprache gern auf die Nazis: Haben die nicht den Ehrentag der Frauen erfunden? Schließlich hatten die braunen Machthaber in Deutschland auch das Mutterkreuz erdacht, mit denen weibliche Familienoberhäupter geehrt wurden, die dem Führer möglichst viele Knaben schenkten. Die dann später, so dachte man, gute deutsche Soldaten würden. Doch dieses Gerücht ist falsch. Auch wenn die Nationalsozialisten den Tag 1933 in „Gedenk- und Ehrentag der deutschen Mütter“ umbenannten und ihn auch im Staat groß begingen. Hintergrund ist – das war so gar nicht im Sinne von Hitler & Co – der Todestag einer amerikanischen Frauenrechtlerin.
Ihr Name: Marie Reeves Jarvis (1832 – 1905). Die Pastorengattin und Pazifistin hatte sich zu Lebzeiten für bessere Lebensbedingungen der Arbeiterklasse eingesetzt, besonders für bessere hygienische Versorgung. Die Kindersterblichkeit war gegen Ende des 19. Jahrhunderts noch sehr hoch, die Arbeiterfrauen mussten ihre Kinder unter unvorstellbaren, schlechten Umständen gebären. Die Amerikanerin organisierte bereits „Mothers Day Meetings“, an denen sich Frauen trafen, um sich über ihre Probleme auszutauschen. Jarvis’ Tochter Anna, die sich ebenfalls für Frauen und ihr Wahlrecht engagierte, wollte mit einem Gedenktag an das Werk ihrer Mutter erinnern und so auch die Leistung aller Mütter ins Zentrum der US-Gesellschaft rücken. Daher wählte sie für den „Mothering Day“ den 9. Mai – den Todestag von Marie Reeves Jarvis. Als der Muttertag in den USA 1914 zum nationalen Feiertag erklärt wurde, wählte man schließlich den zweiten Sonntag im Mai.
Auch in Europa hatte es vorher schon Bestrebungen gegeben, einen Muttertag einzuführen: Kein Geringerer als Napoleon Bonaparte, damals Herrscher über halb Europa, hatte diese Idee. Doch da er 1816 gestürzt wurde, konnte er sie nicht mehr umsetzen. 1914 folgte England mit dem „Mothering Day“, 1917 die Schweiz, 1918 Norwegen und 1919 Schweden. Pikant: Im Deutschen Reich war es erst der „Verband der Blumengeschäftsinhaber“, die den Tag bereits um 1922 als Feiertag propagierten – ein offizieller Ehrentag wurde es im Deutschen reich erst 1923. Wie so oft war es kommerzielles Interesse, das eine gesellschaftliche Veränderung herbeiführte.
Die Nazis instrumentalisierten den Muttertag schließlich völlig für ihre Idee eines rassistischen Kriegerstaats: Am „Gedenk- und Ehrentag der deutschen Mütter“ wurde mit dem Mutterkreuz geehrt, wer mindestens acht arische Kinder zur Welt brachte. Erst mit der Besetzung durch die Amerikaner kehrte der Muttertag zurück – in der DDR dagegen wurde der Tag als amerikanische Institution abgelehnt.
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