Umgangsformen sind im Golfsport mehr als bloß nettes Beiwerk. Das verdeutlichen die derzeit weltweit gültigen Golfregeln. Sie fordern gutes Benehmen als erstes und wichtigstes aller Gesetze auf dem Golfplatz ein – noch vor den eigentlichen Spielregeln. In der deutschen Übersetzung heißt es in Abschnitt I über die „Richtlinien für das Verhalten“: „Wenn diese Richtlinien eingehalten werden, können alle Spieler die größtmögliche Spielfreude erreichen. Das vorherrschende Prinzip ist, dass auf dem Platz stets Rücksicht auf andere Spieler genommen werden sollte.“
Beim Golf ist jeder sich selbst der größte Gegner. Es kommt auf winzige Nuancen der Haltung an, auf höchste Konzentration und Disziplin. Das bedeutet: Wer sich nicht zu benehmen und zu beherrschen weiß, steht nicht nur dem eigenen Spiel, sondern auch dem der anderen Sportler im Weg und beeinträchtigt deren Leistung. Aber noch eine weitere Begründung ist wichtig: In Abwesenheit eines Schiedsrichters ist auch die Ehrlichkeit der Spieler gefordert. Unter dem Titel „wahrer Geist des Golfspiels“ appellieren die Regeln deshalb an die Selbstkontrolle der Spieler. Ein guter Stil im Auftreten ist also keine überflüssige Spielerei, sondern Voraussetzung für die Teilnahme am Spiel. Jeder Golfer soll, wie ehrgeizig er auch sein mag, stets diszipliniert sein, Höflichkeit an den Tag legen und Sportsgeist ausstrahlen. Die eigentlichen Regeln des Spiels sind dieser Forderung nachgeordnet.
Die enge Beziehung zwischen Golf und Etikette lässt sich aber auch aus den geschichtlichen Ursprüngen des Spiels erklären. Wenngleich die genaue Herkunft des Sports bis heute nicht geklärt ist, geht man davon aus, dass Golf, wie wir es heute kennen, aus Schottland stammt, wo es lange Zeit dem Hochadel vorbehalten war. So wurde Golf in der Niederschrift eines Gesetzes über das Verbot des Golfsports, das James II. von Schottland 1457 als Entwurf ins Parlament einbrachte, erstmals schriftlich erwähnt. Golf war den Männern aus der einfachen Bevölkerung damals verboten, weil es sie vom Bogenschießen abhielt – einer in Schottland kriegerisch wichtigen Disziplin, bevor es zum Friedensschluss mit England kam. Das Verbot wurde von James’ Nachfolgern James III. und James IV. noch einmal bestärkt, ehe es im Friedensvertragsjahr 1502 aufgehoben wurde. Wenig später tauchte dann eine Rechnung auf, die James IV. als passionierten Golfspieler überführte: Er hatte sich teure Schläger anfertigen lassen – von keinem geringeren als dem „Royal Clubmaker“. Zu diesem hatte er William Mayne ernannt. Ein offizieller Posten war geschaffen.
Im 16. und 17. Jahrhundert fand der Golfsport im Königshaus immer mehr Anklang. Die von Friedrich Schiller in seiner gleichnamigen Tragödie portraitierte schottische Königin Maria Stuart spielte ebenso Golf wie der ihr nachfolgende James VI. So wurden die höfischen Eigenschaften auch auf den Sport übertragen und haben in den vergangenen Jahrhunderten dessen Seele geprägt. Bis heute ist Golf nicht denkbar ohne den Rückbezug auf Herkunft, Tradition und Etikette. Viele der zur höfischen Zeit gegründeten Clubs trugen ein „Royal“ im Namen, sie waren königlich. So auch der bis heute bekannteste Golfklub der britischen Inseln, der „Royal and Ancient Golf Club of St. Andrews“. Dort hat das „Open Championship“, eines der bedeutendsten Golfturniere der Welt, seinen Ursprung. Und dort werden bis heute die gültigen Golfregeln notiert und weiter entwickelt.
Nachdem Golf gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Schottland einen Aufschwung erlebt hatte – inspiriert durch den Historiker und Dichter Sir Walter Scott, der seine Heimat in den buntesten Farben schilderte –, wurde das Spiel auch im Ausland immer beliebter. Vor allem in den ehemaligen britischen Kolonien boomte der Sport. Bis heute sind die Vereinigten Staaten der größte Golfmarkt. Trotz der immer weiter fortschreitenden Professionalisierung des Sports, bei dem es derzeit Preisgelder von mehreren Millionen Dollar zu gewinnen gibt, berufen sich die Golfer, ihre Fans und die Organisatoren immer wieder auf das historische Erbe, das sie mit Etikette und Stil zu bewahren suchen. Eine Welt, die vielen Betrachtern heute snobistisch erscheint, exklusiv und ausgrenzend. Doch ließe sich der Sport kaum denken, geschweige denn spielen ohne Benimm und gute Umgangsformen.
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