Wenn ein Unternehmen in nur zwei Monaten über zwei Millionen Exemplare eines neuen (und dazu noch ganz und gar nicht billigen) Gadgets verkaufen kann, dann trifft dessen Konstruktion ganz offenbar den Geschmack. Steve Jobs hat es wieder mal geschafft, den Skeptikern eine lange Nase zu drehen - und eine schon tot geglaubte Gerätekategorie plötzlich zu Erfolg zu verhelfen. Denn Tablet-Rechner, genau das ist das iPad, sind keine Erfindung von Apple. Schon geraume Zeit fristen sie ein Nischendasein zwischen überdimensionalem Notizblock und Notebook-Ersatz. Was ist an den neuen Geräten anders, dass auf einmal fast jeder eines haben will? Zählt man alle angekündigten Modelle, kann der Käufer binnen Jahresfrist womöglich unter 50 verschiedenen Typen wählen.
Während frühe Tablet-Versuche vor allem auf den Einsatz der vom Schreibtisch-PC bekannten Software abzielten (und wegen ihrer Einschränkung darin scheitern mussten), sind iPad & Co. im wesentlichen Internet-Schaufenster. Wer seine Fotos bei einem Web-Bilderdienst aufbewahrt, seine Konkurrenz über einen Webmail-Anbieter wie Hotmail oder GMX führt und seine Dokumente in Google Docs verwaltet, der braucht nur ein simpel bedienbares, flott und auch ohne Kontakt zur Steckdose ausdauernd arbeitendes Sichtgerät, das all diese Daten aufs Sofa holt. Natürlich ist dafür ein WLAN-Funknetz Voraussetzung, doch das findet sich inzwischen in der großen Mehrheit der deutschen Haushalte. Natürlich kommt so ein Tablet auch mal an seine Grenzen: längere Texte tippen sich besser mit einer echten Tastatur, umfangreiche Fotoretusche erledigt ein Standard-PC schneller und kompetenter, Hochzeitsvideos schneidet man besser mit Spezialsoftware. Doch die kleinen, alltäglichen Aufgaben, dafür eignen sich iPad & Co. hervorragend.
Sie stören auch weniger als ein Net- oder Notebook, wenn man sie abends vor dem Fernseher benutzt. Statt des Satzes „Schatz, musst du immer Arbeit mit nach Hause bringen“ werden eher eine gerechte Aufteilung der iPad-Zeit oder der Wunsch nach einem zweiten Gerät zum Konfliktstoff. Zudem setzen die Tablets die alte, aber nie im Massenmarkt angekommene Idee vom interaktiven Fernsehen in die Praxis um: Mit welchem Gift arbeitet der Mörder? Schnell bei Wikipedia nachsehen. Lohnt sich der Spielfilm um 20:15 Uhr? Eine TV-Zeitschrift im Netz hilft garantiert mit einer Bewertung weiter. Noch komfortabler wird dieser Prozess über die so genannten Apps - Mini-Programme, die einem eng umgrenzten Zweck dienen und ihre Informationen meist im Hintergrund aus dem Netz holen.
Wenn es sich nicht um Spielerei im wörtlichen Sinne handelt - Gaming gehört unter den Apps zu den beliebtesten Kategorien. Der Tablet-Besitzer muss sich für eine ablenkende Spielerunde nicht wortkarg ins Arbeitszimmer zurückziehen. Der deutlich größere Bildschirm der Tablet-Rechner im Vergleich zu Smartphones wie dem iPhone vergrößert die Möglichkeiten hier noch. Spielkonsolen-Hersteller wie Nintendo oder Sony dürfen sich warm anziehen. Die Frage, wer denn ein Tablet braucht, ist insofern leicht zu beantworten: jeder. Das Gerät erfüllt Funktionen, an die bisher noch niemand gedacht hat. Das ist eine gute Nachricht für PC-Hersteller - mit iPad & Co. wird man zunächst nicht auf Schreibtisch-Rechner verzichten können. Diese werden jedoch nur noch dann zum Einsatz kommen, wenn man ihre höhere Arbeitsgeschwindigkeit und bessere Ergonomie wirklich braucht.
Apple hat mit dem iPad einen großen Vorteil: Das Gerät kam als erstes auf den Markt. Zwar wollen alle großen Hersteller nachziehen und versprechen Konkurrenten, die dem iPad technisch überlegen sind - doch es besteht die Gefahr, dass das iPad genauso zum Synonym für Tablets wird wie es der iPod längst für MP3-Player geschafft hat. Sich jetzt schon für Apple zu entscheiden, dürfte deshalb kein prinzipieller Fehler sein - auch wenn zu erwarten ist, dass die nächste iPad-Generation ein paar Features mitbringt, die dringend erwartet werden - etwa einen Speicherkarteneinschub.
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