Kaum zu glauben, dass die deutsche Sprache einst auf den Straßen von New York, Chicago oder Philadelphia oft zu vernehmen war! Die Auswanderungswellen des 18. und 19. Jahrhunderts – in Zeiten, zu denen bittere Not in den unteren Schichten Deutschlands herrschten – hatten Amerika einen nicht geringen Bevölkerungsanteil von Deutschen beschert. Sie sprachen Deutsch miteinander, feierten ihre traditionellen Feste in hessischer, bayerischer und schwäbischer Tracht und lasen deutschsprachige Zeitungen. Und angeblich waren die Deutschen in den USA so zahlreich vertreten, dass ihre Muttersprache beinahe die aller Amerikaner geworden wäre. Aber stimmt das wirklich?
So schön die Geschichte klingt: Sie stimmt nicht. Zwar lebten tatsächlich um 1790 rund 277.000 Deutsch-Amerikaner in den USA, in Pennsylvania machten sie sogar ein Drittel der Gesamtbevölkerung aus. Dort wird die deutsche Sprache – in antiquierter Form – sogar heute noch von den „Amish People“, einer radikal anachronistischen, religiösen Gruppierung, gepflegt. Es war sogar eine deutsche Zeitung, die als erstes von der Unabhängigkeitserklärung berichtete: der „Pennsylvanische Staatsbote“. Doch dass Deutsch beinahe US-Landessprache geworden wäre, ist eine nicht tot zu kriegende Legende: So soll ein Deutschstämmiger namens Frederick C. Mühlenberg um 1790 im Parlament von Pennsylvania das Zünglein an der Waage gespielt haben: Bei der Wahl der Landessprache sei seine Stimme die gewesen, die mit 42 gegen 41 Stimmen zur Entscheidung für Englisch geführt habe. Leider nicht wahr.
Doch wie das immer so ist, bei den Legenden: Ein wahrer Kern steckt doch drin. Und so gab es am 9. Januar 1792 eine Petition im Repräsentantenhaus in Washington, in dem deutsche Einwanderer aus Virginia forderten, dass die Gesetzestexte auch auf Deutsch publiziert werden. Mit dem abschlägigen Ergebnis von 42 gegen 41 Stimmen. Und aus dieser Geschichte bildete sich wahrscheinlich der „Mühlenberg-Mythos“.
Bis zum Ersten Weltkrieg war die Deutsche Kultur übrigens in den USA tatsächlich noch sehr stark vertreten: Die deutschen US-Zeitungen waren viel beachtet, deutsche Arbeiter wurden wegen ihres Fleißes bevorzugt und auch das deutsche Essen war beliebt. Erst mit dem Ersten Weltkrieg, in dem das Deutsche Reich sich zum Feind wandelte, verschwand das Deutsche in der US-Kultur: Die Einwanderer änderten ihre Namen, vermieden es, die Sprache der Väter zu benutzen und mit der Prohibition war es auch mit der bayerischen „Beerhouse“-Kultur vorbei. Wenngleich die Deutschen heute völlig assimiliert sind – manche Wörter wie „sauerkraut“, „schnapps“ oder „kindergarten“ sind in die amerikanischen Alltagssprache eingegangen. Aber dass Deutsch die US-Landessprache sein könnte – das kann sich heute dort niemand mehr vorstellen.
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