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Hat Deutschland Helgoland gegen Sansibar getauscht?

 

1890 schloss das Deutsche Reich den Helgoland-Sansibar-Vertrag. Wurde dabei tatsächlich das karge Eiland Helgoland gegen die üppige Insel vor der Küste Afrikas getauscht?

Viele Deutsche sind der Meinung, dass die Insel Sansibar vor der afrikanischen Küste einmal deutsch gewesen sei. Nur dass man sie 1890 gegen den „friesischen Felsen“ Helgoland eingetauscht habe. Doch stimmt das tatsächlich? In der Tat: Es gibt den so genannten Helgoland-Sansibar-Vertrag, der am 1. Juli 1890 unter dem Reichskanzler Leo von Caprivi mit den Engländern geschlossen wurde. Es stimmt auch, dass Helgoland bis dahin britisch war und mit dem Vertragsschluss wieder deutsches Territorium wurde. Doch von einem Tausch kann keine Rede sein, da Sansibar zu keinem Zeitpunkt Teil der Deutschen Schutzgebiete“ war, wie man die Kolonien euphemistisch nannte.

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Helgoland: Ein ödes Eiland für ein Paradies bekommen?

Otto von Bismarck war beleidigt

Doch dieser Irrglaube ist weit verbreitet. Die Ursache: Journalisten fragten den abgetretenen Altkanzler Otto von Bismarck, was er denn von dem Vertrag halte, den sein Nachfolger Caprivi mit den Briten abgeschlossen hatte. Dieser – durchaus gekränkt, dass er von Kaiser Wilhelm II. entlassen worden war – raunzte, dies sei ein Verlust. Man hätte einfach mehr Geduld beweisen müssen, um das Gebiet unter deutsche Kontrolle zu bringen. Dieser Satz war bewiesenermaßen ein emotionaler Kommentar, denn Bismarcks Haltung zu Kolonien war bekanntermaßen sehr skeptisch. Doch die Journalisten transportierten vor allem das Reizwort „Verlust“ in ihren Zeitungen, und so kam es bei Lesern wie Kommentatoren an: Schon wenige Tage später tönte es in den Leitartikeln der Berliner Zeitungen empört, man habe „einen Rock gegen einen Knopf“ eingetauscht.

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Reichskanzler Bismarck: Er wollte eigentlich gar keine Kolonien

Sansibar wird britisch, Deutschland hält still

In Wirklichkeit hatte das Deutsche Reich etwas dazugewonnen: die Insel Helgoland, die seit 1807 unter britischer Herrschaft war. Im Gegenzug dafür verpflichtete sich Deutschland, die „Schutzherrschaft Großbritanniens“ auf den Inseln Sansibar und Pemba anzuerkennen. Übersetzt: Die Briten rissen sich Sansibar und Pemba, die bis dahin frei und unter dem Zepter des Sultans von Sansibar geführt wurden, unter den Nagel. Und der deutsche Kaiser erhielt als „Schweigegeld“ die Insel Helgoland. Daneben wurden noch ein paar andere wenig koschere Kuhhandel getätigt, etwa ein Seezugang zu Deutsch-Ostafrika und eine Sambesi-Verbindung in Deutsch-Südwest, das für einige Millionen die Besitzer wechselten.

Beinahe hätten die Briten Helgoland zerstört

Die Helgoländer selbst hatte übrigens niemand nach Ihrer Meinung gefragt. Doch ihr Leben sollte sich gründlich ändern: Denn Kaiser Wilhelm II. baute das Eiland in der Deutschen Bucht – das strategisch nicht uninteressant lag – zu einer wahren Festung aus. Mehrere Seeschlachten vor seiner Küste fanden hier im Ersten und Zweiten Weltkrieg statt, nach einem Bombenangriff der Briten wurde es für unbewohnbar erklärt und evakuiert. Nach 1945 fiel Helgoland wieder an England, das es als Bombenübungsplatz nützte. Nicht umsonst nannten es die Bomberpiloten „Hell-go-land“ (Land, dass zur Hölle fährt). Erst als zwei Heidelberger Studenten und der Publizist Hubertus zu Löwenstein 1950 den kleinen Flecken Erde besetzten, ging der „friesische Felsen“ wieder an die Bundesrepublik Deutschland zurück. Und auch die Bevölkerung kehrte wieder zurück. Heute ist es dank seinem Klima ein anerkanntes Nordseebad und durch seine seltene Flora und Fauna ein Naturschutzgebiet. Auch wenn es kein echter Tausch war: Sansibar wäre als Kolonie ohnehin fremdes, geraubtes Land gewesen und hätte zurückgegeben werden müssen. Helgoland dagegen ist – mit seiner friesischen Kultur – schon eine sehr typisch norddeutsche Angelegenheit.

Klaus Mergel
 

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