Übersetzt bedeutet Gambero Rosso die „rote Garnele". In dem italienischen Kinderbuchklassiker „Pinocchio" ist dies der Name einer Taverne, in der die Holzpuppe mit dem Fuchs und dem Kater opulent tafelt. In der Realität jedoch ist „Gambero Rosso" der Name eines italienischen Weinmagazins, das seit 1986 in Italien erscheint. In Wahheit ist dies aber viel mehr: Der Gambero Rosso ist die Zentralgewalt in Sachen italienischer Wein.
Denn seit 1987 veröffentlicht das Blatt einen Weinführer mit dem Namen „Vini d'Italia", in dem die besten Weine vom Stiefel und ihre Erzeuger vorgestellt und bewertet werden. Und zwar mit der Einheit von Gläsern, genauer mit ein, zwei oder drei Gambero Rosso Gläsern. Inzwischen werden in dem Wälzer im Backsteinformat rund 20.000 Weine von etwa 2300 Erzeugernaufgeführt. Verkostet werden von seinen Weintestern vermutlich weit mehr. Man muss sich vor Augen halten: Dies ist nur ein Bruchteil. In Italien gibt es rund 800.000 Weingartenbesitzer, die im Jahr etwa 55.000 Hektoliter Rebensaft erzeugen. Daher gilt für die Winzer in Sachen Gambero Rosso: In ist, wer drin ist.
Seit den Anfängen, als der Gambero Rosso nur eine achtseitige Beilage in der Zeitung „Il Manifesto" war, hat sich viel verändert. Der Führer, beinahe 1000 Seiten dick, kommt in mehreren Sprachen heraus – und bei Erscheinen geht man mit dem Troß der prämierten Winzer auf Roadshow. Seit 1990 gibt es den „Osterie d'Italia" in dem – in Zusammenarbeit mit der Slow Food-Vereinigung – italienische Restaurants bewertet werden. Und seit einigen Jahren verlegt man auch auch den „Locande d'Italia", in dem es um die besten Unterkünfte geht. 2002 eröffnete in Rom die „Cittá del gusto", eine Art Disneyland des guten Geschmacks: Hier werden Fernsehsendungen für den eigenen Sender „Gambero Rosso Channel" produziert, es gibt Bars und Restaurants, Kochschulen und allerlei Genußzubehör zu erstehen. Keine Frage: Der Gambero Rosso ist heute ein Imperium.
Keine Frage, inzwischen geht es durchaus um Geld und Macht bei der Weinbibel. 2010 stieg Slow Food aus, mit Daniele Cernilli hat im Januar 2011 der dritte und letzte Gründer des Gambero Rosso aus dem Unternehmen aufgehört (nach Stefano Bonilli und Carlo Petrini). Nebenbei wurde in der letzten Zeit auch viel Kritik laut: Über die Umstände, wie denn Winzer und ihre Erzeugnisse in die Weinbibel kommen, welcher Typ des Weins als „der ultimativ Beste" gilt. Besonders die Annäherung an einen internationalen Formatwein – mit internationalen Rebsorten und dem üblichen Barriqueausbau – wird unter Weinliebhabern diskutiert. Auch, inwiefern die eigentliche Idee, dem Konsumenten Orientierung zu bieten, durch Marketing und Gegengeschäfte überlagert sein sollte. Von der Konzernspitze hört man zu alledem nichts. Wie auch: Der wahre Eigentümer des Gambero Rosso bleibt bis heute unbekannt. Gerüchten zufolge handelt es sich dabei um Paolo Panerai, CEO des Mailänder Großverlags Class Editori. Nebenbei ist der Mann Chef von Castellare – eines hochgeschätzten Bioweinguts in der Toskana.
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