Graceland ist eigentlich kein Ort. Graceland ist ein Zustand. Denn wer die Stimmung an diesem Ort und den Mythos verstehen will, muss eigentlich selbst Fan sein: von Elvis Presley, dem „King of Rock ’n’ Roll“, der an diesem Ort in Memphis lebte und ihn prägte. Natürlich sind Elvis’ Haus, Garten und Grab eine sehr amerikanische Angelegenheit. Welcher Familie eines toten europäischen Stars – etwa von Romy Schneider oder von Falco – wäre es schon recht, dass jeden Tag Tausende von Besuchern aus Manchester, Rio, Wladiwostok oder Bremen in seine (ehemals) privaten Räume eindringen und überall ihre Fuß- und Fingerabdrücke hinterlassen? Keiner. Doch in den USA ist Privatsphäre unter Stars ein Fremdwort: Wer geliebt werden will, muss sich dem Volk hingeben. Das war auch schon zu Presleys Zeiten so.
700.000 Besucher kommen jährlich in die 23-Zimmer-Villa, an runden Geburtstagen sogar mehr als eine Million – und das noch über 40 Jahre nach Elvis’ Tod. Sein Wohnhaus ist der beliebteste Touristenort gleich nach dem Weißen Haus. Viele der Fans sind selbst schon fortgeschrittenen Alters, aber nicht wenige waren noch nicht einmal geboren, als Elvis 1977 mit 42 Jahren in seinem Badezimmer starb – im Magen einen Schlafmittelcocktail, einsam und depressiv. Elvis lebt hier tatsächlich noch, so scheint es. Am allerlebendigsten scheint er in Memphis-City, wo einen der „King“ auf Schritt und Tritt verfolgt. Und nach Graceland kommen so gut wie alle Touristen, die sich nach Tennessee verlaufen. Dabei ist das einstige Reich des „King“ nichts als eine riesige Anhäufung schlechten Geschmacks an einer der tristen Ausfallstraßen von Memphis.
Elvis hatte das Haus 1957 für 100.000 Dollar gekauft, und als Junge aus kleinen Verhältnissen wollte er seinen Aufstieg auch demonstrieren: mit goldenen Wasserhähnen, zahllosen TV-Geräten, die gleichzeitig liefen, grausigen Ölgemälden mit seinem Konterfei, selbst sein Revolver war vergoldet. Dutzende von Luxuskarossen (darunter der berühmte pinkfarbene Cadillac), zahlreiche Motorräder, sogar sein Flugzeug „Lisa Marie“ sind heute ausgestellt. Eine schräge Pracht, die fatal an den skurrilen Nachlass seines – nun genauso tragisch verstorbenen – Wiedergängers Michael Jackson erinnert. Die Spielzeugsammlung eines einsamen Kindes.
Für die Besucher ist am Elvis-Wallfahrtsort heute alles zugänglich: die Privaträume, das Grab des „King“ und auch die Ruhestätten seiner Familie. Seine schillernde Kostümsammlung kann man bewundern wie den Pool, die Waffensammlung und die goldenen Schallplatten. Man muss dafür allerdings Taschenkontrollen und Screenings wie am Flughafen über sich ergeben lassen – und auch ein saftiges Eintrittsgeld berappen: Erwachsene zahlen 28 Dollar, Kinder 12 Dollar. Im Shop kann man sich Elvis als Spardose, Aufkleber oder Kühlerfigur kaufen, Spieldosen mit einer scheppernden „Love me Tender“-Melodie sind der Renner. So scheußlich Elvis’ zur Schau gestellter Reichtum in unseren Augen heute sein mag – er wirft eine Menge Profit ab. Und damit bestätigt der soziale Aufsteiger Presley auch wieder ein uramerikanisches Gesetz: „Money rules“, Geld regiert die Welt. Auch in Graceland. Graceland-Infos: 33734 Elvis Presley Blvd, Memphis, TN 3816, www.elvis.com
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