Bei einer Aufzeichnung von Christoph Schlingensiefs "Kirche der Angst vor dem Fremden in mir" im Rahmen der RuhrTriennale 2008 passiert es am Ende der "Predigt" des Aktionskünstlers: Schlingensief reißt die Hände in die Höhe und schreit: "Fluxus!" Und alle jubeln. Ein Begriff, mit dem ein Normalsterblicher wohl wenig anfangen kann. Ihre Akteure jedoch kennen die meisten: Joseph Beuys, Charlotte Moorman, Yoko Ono, sogar der versaute Schriftsteller Charles Baudelaire gilt als Avantgardist des Fluxus.
Fluxus ist im Grunde genommen eine Neuauflage von "L'art pour l'art", dem "zweckfreien" Motto des 19. Jahrhunderts. So konstatierte der Dichter und Künstler Emmett Williams: "Das Leben ist ein Kunstwerk, und das Kunstwerk ist Leben." Was zählte war, eine originelle Idee zu haben. Das bedeutet in etwa: Nicht der antike Ölschinken im Museum ist Kunst, sondern ihn zu klauen und auf der Straße mit Geldscheinen zu verbrennen - das ist Kunst. Weg vom Gegenstand, mit dem Anleger spekulieren und Geld verdienen konnte und hin zum abstrakten Kunstgedanken, der die Welt und das Sein verändert. Der Name Fluxus (= fließend) rührt übrigens von einem Zeitschriftentitel her, die der US-Künstler George Maciunas 1960 herausgab.
Natürlich war Fluxus in seiner Zeit, den 60er Jahren, eine gesellschaftliche Abgrenzung innerhalb der Kunstszene: Die etablierten Künstler wurden damit als Spießer dargestellt, die junge Avantgarde erkämpfte sich ihren Platz mit neuen Darstellungsformen. Dazu gehörten Happenings, die mit Nacktheit und Abstrusität provozierten genauso wie Joseph Beuys' "Fettecke" oder die Klanginstallationen von John Cage. Und die Provokation war und ist der Begeiter von Fluxus bis heute: Ob dabei tote Kühe aus dem Helikoper geworfen werden (Wolfgang Flatz) oder bei einem Konzert Glühbirnen zerdeppert werden (Wolf Vostell) – Verunsicherung und Empörung der Öffentlichkeit ist immer Teil der Geschichte.
Natürlich kann man Fluxus leicht als Kunstquatsch abtun. Jedoch ist die gesellschaftliche Kritik dabei durchaus ein ernstzunehmendes Argument der Künstler: am Konsumverhalten, am Nationalismus oder auch en einem gestörten Sexualverhalten. Und man muss durchaus anerkennen: Etliche Künstler haben beeindruckt und mit ihren Aktionen und Werken Anerkennung, Ruhm und Geld verdient: Joseph Beuys, einst geschmäht und von der Kunsthochschule verwiesen, ist heute eine deutsche Ikone, die international bekannt ist wie kein zweiter zeitgenössischer Künstler. Das ist geil – Fluxus!
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