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Wie schlimm ist die englische Küche wirklich?

 

Die englische Küche gilt als die schlimmste Küche der Welt: fade Zubereitung, groteske Geschmackskombinationen und ungesunde Zutaten. Doch stimmt das überhaupt? Und was genau ist eigentlich die englische Küche? Der Berater sagt's Ihnen.

Gerne wird als Klischee das „Lamm in Minzsoße" herangezogen, wenn es um die englische Küche geht. Klingt total komisch für unsere Ohren (und Zungen), ist aber in Wahrheit eine Entlehnung aus der indischen Küche. Oder auch „Fish & Chips", was in Wirklichkeit nur ein schnelles Essen wie die bayrische Leberkässemmel oder der norddeutsche „Aal auffe Faust" ist. So seltsam es anmutet: Die englische Küche galt im 19. Jahrhundert als eine der besten der Welt, bei der sogar die Franzosen den Daumen hoch zeigten.

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Desaster unterm Union Jack: die englische Küche

Die englische Küche galt mal als eine der besten weltweit

Denn im 19. Jahrhundert hatte Großbritannien die idealen Bedingungen für die Haute Cuisine: Es gab Leute mit Geld, fachkundiges Küchenpersonal und Zutaten aus aller Welt – dank der Kolonien. Allein die Gewürze machten exotische Speisen möglich, von denen deutsche Köche damals nur träumen konnten. Heute sucht man in England lange nach einem Restaurant, das selbstbewusst traditionelle englische Küche anbietet. Genauer gesagt: Es gibt eigentlich gar keine englische Küche mehr. Das Gros der Briten ernährt sich von kalten Speisen, Fast Food aus aller Welt – oder eben Importküche. Man kann guten Gewissens sagen, dass die besten Restaurants in England eigentlich französische, indische und japanische sind.

Die Wirtschaftsdepression zerstörte die englische Küche

Wie konnte es so weit kommen? Anders als die Deutschen (die ja ein Wirtschaftswunder erlebten) stürzte England nach dem Krieg in eine starke wirtschaftliche Depression: Der Niedergang der Altindustrie und der Verlust der Kolonien krempelten die gesamte Gesellschaft um. Viele Mitglieder des Adels und des Bürgertums konnten sich kein Küchenpersonal mehr leisten. Die Arbeiter dagegen kämpften mit geringen Löhnen und hohen Lebensmittelpreisen. Das einzige, was lange Zeit erhalten blieb, war der so genannte „Sunday roast", der Sonntagsbraten. Und auch der ist heute sehr selten geworden. Darum waren die 50er und 60er-Jahre auch die Blütezeit der „Fish & Chips-Shops", wo man billig futtern konnte. Große Küchenkunst war das nicht. Diese Shops wurden – mangels Fisch – später von den Kebap- und Burgerläden abgelöst. Eine positive Bereicherung stellten jedoch die indischen, pakistanischen und asiatischen Einwanderer dar, die mit ihren ausgefeilten Currys und Rice Dishes für Abwechslung sorgten.

Jamie Oliver belebt die englische Küche neu

Leider ist durch diesen Wandel das Wissen und Können am Herd beim englischen Normalbürger verloren gegangen. Klassische Gerichte wie Pork Pie (Pastete aus Schweinefleisch), Shepard's Pie (ein Hackfleischauflauf) oder das Dessert Plumpudding kann kaum ein Engländer oder eine Engländerin mehr zubereiten. Aber es gibt eine gewisse Hoffnung: Moderne Köche wie Jamie Oliver sorgen für eine Renaissance des Selbermachens. Zwar orientiert sich der Küchenstar eher an der italienischen Küche, aber er animiert zumindest seine Landsleute zumindest, sich selbst mal wieder an den Herd zu stellen. Vielleicht kommt ja eines Tages wieder die Zeit, dass Gourmet-Kritiker die Augenbrauen hochziehen, wenn es um englische Küche geht.

Klaus Mergel
 

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